Wattenscheider-Geschichte

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Schacht

Drängt sich mir jetzt mal die Frage auf, weshalb die Wattenscheider eigentlich so heißen. Vielleicht wegen solcher Effekte:

Das Jahr 2000 war noch keine drei Tage alt, da meldete sich mit
Macht die Vergangenheit zurück.
Frau K. aus der Emilstraße in Wattenscheid schaute an diesem
Sonntagmorgen gerade durchs Wohnzimmerfenster, als sich 25
Meter entfernt in ihrem gepflegten Garten ein Krater auftat.
Merkwürdig langsam versanken erst Sträucher, Hecken und Tannen.

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Im Herbst 1999 hatten wir an einem der Modulbau-Wochenenden bei Thorsten Petschallies alle damals vorhandenen Zweigleismodule aneinander gelegt und spontan beschlossen, auf der JT 2000 den ersten zweigleisigen Abschnitt aufzubauen: Von der Überleitstelle Borkholzberg zur Abzweigstelle Spaxwald. Mit glänzenden Augen standen wir um die neuen Module und überlegten, wie der Betrieb darauf aussehen würde. Signale waren nötig, und so markierte ich die Standorte der Haupt- und Vorsignale bei dieser Stellprobe mit "Cola"- bzw. "Lift"-Dosen.

Nun sollten die Module später, außerhalb des Zusammenhangs wie für die JT 2000 geplant, individuell eingesetzt werden. Fester Einbau der Signale verbot sich, und besondere Signalmodule wären lästiger Aufwand gewesen. Ich hatte nach 6 Jahren Modulpraxis auch gelernt, daß:

  • das Konzept "Signalmodul" nicht viel taugt - man muß es bauen, transportieren, einbauen, und dann paßt es doch oft nicht zu den 4 verschiedenen Geländeprofilen B (Signal auf Nord- oder Südseite), E oder F, außerdem wurden die Signale selbst oft beschädigt,
  • bei abnehmbaren Signalen eine Trennung zwischen Signal und Antrieb (etwa nach dem Vorschlag Mitschke) eine Hölle an Justierproblemen bedeutet, ich hatte es selbst mehrfach ausprobiert,
  • vielpolige elektrische Schnittstellen wie die "Einfahrsignal-Schnittstelle" ziemlich problematisch sind, weil eine saubere Definition sehr viel Arbeit ist und die Implementationen oft nur eingeschränkt funktionierten oder gar nicht vorhanden waren.

Ein besseres Konzept muß also sein:

  • Signale müssen an praktisch jedem beliebigen Punkt der Strecke aufgestellt werden können,
  • Signal und Antrieb müssen fest verbunden sein und eine an der Werkbank test- und justierbare Einheit bilden,
  • nur einfach erfüllbare mechanische Spezifikationen.

Ich weiß nicht mehr, wann und wie - jedenfalls fiel in einem Gespräch zwischen Jochen Leisner und mir irgendwann der Satz "Man müßte ein Signal einfach so in die Landschaft stecken können, wie man ein Alubein ins Modul steckt."

Der lange bekannte Modulbeinhalter aus dem Bauchladen war aus verschiedenen Gründen nicht direkt zu übernehmen. Aber die einfache mechanische Spezifikation eines Querschnittes und Konstruktion mit seitlicher Klemmschraube war ein gutes Leitbild: Auf Grundlage genormter Aluminium-Strangpreßprofile baute ich etwa Weihnachten 1999 erste Muster, zunächst 30x30 mm Schachtquerschnitt, dann mit 31x20 mm, was dem Querschnitt eines betonierten Signalsockels näher kam und eine bessere Konstruktion der Klemmvorrichtung erlaubte.

Die Bauteile des Schachts sind Zuschnitte aus Normprofil zweier Dimensionen, ein Blechstreifen und genormte Spannhülsen. Einfachste Schlosserwerkzeuge - Ständerbohrmaschine, Hammer und M8-Gewindebohrer - genügen zum Zusammenbau. (Ich bin immer wieder amüsiert, daß dies nicht einfach genug sei, und man z. B. Laser und CNC-gesteuerte Abkantbänke zur weiteren Vereinfachung benötige.)

Bruno Oebels trug dann die Idee bei, den Schacht bündig mit der Landschaft ins Modul zu bauen, damit er mit einem Blindstopfen perfekt getarnt werden kann. Ursprünglich wollten wir jeden Schacht als ggf. ungenutzten Signalsockel ausgestalten.

Mit dem Vorschlag einer mechanischen Schnittstelle stieß ich in der fremosignal-Mailingliste damals auf keine Gegenliebe. Man favorisierte eine elektrische Schnittstelle. Edward von Flottwell verhönte die Idee mit Hinweis auf die - damals, Anfang 2000 - durch die Nachrichten geisternden Tagesbrüche von Wattenscheid. Er wolle keine Wattenscheider Löcher auf seinen Modulen.

Die ersten Schächte wurden im Frühjahr 2000 bei Thorsten in die Zweigleismodule eingebaut und hatten im April 2000 auf der JT (Millenniumtreffen) in Kassel ihre Betriebspremiere.

Seither wurden laufend Schächte und Signale gebaut. Es scheint nun drei Probleme zu geben:

  • die Schächte werden leicht übersehen, weil sie eben so gut getarnt sind, daher scheinen sie oft nicht nützlich,
  • der Erfinder hielt es nicht für nötig, eine Dokumentation einer so einfachen Idee zu schreiben,
  • Materialauswahl und Zusammenbau sind offenbar für die Mehrheit nicht mundgerecht, was die Verbreitung behindert.

Wattenscheider auf FREMO-NET

Dank schulde ich Jochen Leisner und Bruno Oebels für fruchtbare Diskussionen sowie Edward von Flottwell für die Namensgebung.

Martin Balser, 11. November 2005.

Elektrik

Jetzt erklär doch mal, was das auf sich hat. Wurde der Wattenscheider Schacht nicht erfunden, weil man sich damals nicht auf eine Elektrik einigen wollte?

Das stimmt zunächst. Ich habe den "Signalschacht in Einheitsbauform" entwickelt, weil ich fand, daß der Ansatz "Signalmodule mit genormter elektrischer Schnittstelle" nicht flexibel genug war. Der Ansatz "mechanische Kompatibilität" stellt dem Anwender die Wahl der Elektrik frei. Auf diese "Freiheit" haben aber viele Wattenscheider-Anwender verzichtet und auch die Elektrik genormt.

Sollte der Wattenscheider nicht eine elektrische Norm vermeiden?

Er vermeidet den Zwang zu einer elektrischen Norm, verbietet es aber nicht, eine genormte Elektrik zu benutzen!

Beim Bau des mechanischen Teils wurde eine Steckverbindung gesucht, die sich in dem Signalträger einbauen läßt. Jochen wurde bei der RJ-45 Modularbuchse 8-8 fündig. Man kann sie in jedem Elektronikladen kaufen und leicht einbauen. Daher wurde diese Steckverbindung üblich, auch wenn sie nicht Bestandteil der mechanischen Wattenscheidernorm ist.

Die meisten Anwender benutzen Viessmann-Formsignale. Deren Anschlüsse sind vom Hersteller vorgegeben. Wenn immer die gleichen Normteile - Viessmännchen und 8-8 Buchsen - benutzt werden, kann man sie auch immer gleich verdrahten und landet bei der sog. "Wattenscheider Elektrik". Der Begriff entstand, weil diese Elektrik gleichzeitig mit der mechanischen Norm entstand. Im Grunde ging es erstmal nur darum, die verschiedenfarbigen Kabel der Viessmann-Schaltung auf festgelegte Pins der 8-8 Buchse zu löten. Von Halbwellen war damals keine Rede, bei der Grundschaltung nach Viessmann-Beipackzettel wurde der Wechselstrom einfach auf eine der drei Leitungen für Hp0, Hp1 und Hp2 geschaltet. Daher konnten auch Lichtsignale leicht angeschlossen werden, die nur die negative Halbwelle nutzen (gemeinsame Anode).

Bei näherer Betrachtung eines dreibegriffigen Viessmann-Formsignals erkannte ich, daß über eine Diodenschaltung nur die positive Halbwelle der angelegten Wechselspannung verwendet wird, um z. B. von der Hp2-Leitung aus beide Flügel zu bewegen. Indem ich auch Dioden bei den Zweibegriffern einbaute, bekam ich die "negativen Halbwellen" der drei Steuerleitungen frei und konnte sie für Zusatzanzeiger definieren. Das sind Zs 1 (Ersatzsignal) und Geschwindigkeitsanzeiger Zs 3 der Stufen "6" und "10" (oder "8"). Das entspricht auch den Geschwindigkeitsstufen der Hl-Signale bei der DR. Eine komplette Hl-Vorsignalschaltung läßt sich sehr einfach mit 2 Relais und einem NE555-Blinkgeber aufbauen. Ich war glücklich. Bei Lichtsignalen war es jetzt unumgänglich, mit Treibertransistoren zu arbeiten. Aus irgend welchen Gründen tat ich das sowieso. Jetzt kommen aber die Schlauköpfe, die sich jene Transistoren sparen wollen. Wie es weitergeht, sollten wir ab jetzt auf fremo-signal@... diskutieren.

Noch eine Frage zu den Schächten selbst. Auf www.hauptbahn.de/Wattenscheider/index.htm stand: "Es handelt sich um Aluminium-Schächte, die sogenannten Wattenscheider Schächte, mit einem Außenmaß von 35x35 mm2, in die in einem entsprechenden Signalträger mit einem Außenmaß von 20x30 mm2 montierte Signale gesteckt werden können." Sollte das Aussenmass der Schächte nicht 35 x _25_ mm^2 sein?

Die 35 x 35 mm sind richtig. Für die erste Serie wurde ein Aluminium- U-Profil 35x35x35x2 mm verwendet. Es hat ein Innenmaß von 35-2*2 = 31 mm. In 20,25 mm Abstand von der Wand wird der Querriegel montiert. Der Querriegel kommt unter dem Randweg zu liegen, siehe Einbauzeichnungen auf www.astu.de. In der Draufsicht sieht das so aus:

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| |       | | ^
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| |<20,25>| | 31
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| |_______|_|_v
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Der Schachtquerschnitt ist mindestens 31 x 20,25. Signalträger dürfen höchstens 30,75 x 20 groß sein. In der Überarbeitung der Norm wird eine Abfasung der Signalträger auf der Feldseite verlangt werden müssen, weil die tschechischen Kollegen die Schächte mangels Aluminiumhalbzeug aus gekantetem Blech fertigen. Da gibt es natürlich einen endlichen Biegeradius an zwei Ecken des Schachtes.

Balsine