Schutzweichen auf Abzweigstellen

Aus Frokelwiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Viele Modellbahner vertreten bei sogenannten "Abzweigen" die Ansicht, es müsse unbedingt eine Schutzweiche geben. Man hört dafür oft Begründungen, die, vom Standpunkt des Vorbildbetriebes betrachtet, abstrus bis unzutreffend sind.

Zum Beispiel ist nicht nachzuvollziehen, wie allein mit dem Gegensatz "Hauptstrecke" und "Nebenstrecke" die Erfordernis einer Schutzweiche begründet werden kann. Mir scheint das ein Nachplappern irgendwelcher Phrasen zu sein. Traut man den Hauptstrecken-Lokführern zu, Haltsignale zu beachten, den Nebenstrecken-Lokführern aber traut man es weniger zu? Ist es nicht sogar so, daß Hauptbahnzüge eher grüne Welle gewohnt sind und öfter mal ein Signal mißachten als Nebenbahnzüge? Interzonenzüge haben immer grün! ;-)

Wenn man schon davon ausgehen muß, daß ein Hp 0, Hf 0 oder Hl 13 am Deckungssignal der Abzweigstelle nicht beachtet wird, tut man gut daran,

  • den Eisenbahnbetrieb mangels qualifizierter Lokführer einzustellen oder
  • sich ein Zugsicherungssystem wie z. B. Indusi anzuschaffen oder
  • sogar an jedes Blocksignal eine Schutzweiche zu bauen.

Entscheidend für die Notwendigkeit der Schutzweiche ist, ob es sich bei der fraglichen Anlage um eine Abzweigstelle, (Ausweich-)Anschlußstelle, eine Weiche in Hauptgleisen eines Bahnhofs oder schlicht um eine Weiche in einem Rangierbezirk (z. B. Hafenbahn) handelt. Die Verwischung der Begriffe ist allerdings verständlich, da ein und dasselbe "Abzweigmodul" wechselnd in allen vier Umgebungen verwendet werden kann.

Abzweigstellen

(Textbeitrag von Jörn Pachl) Auf Abzweigstellen sind grundsätzlich keine Schutzweichen vorhanden, nicht einmal auf Hochgeschwindigkeitsstrecken. Allen Zweiflern sei ein Blick ins Regelwerk der DB empfohlen. Dazu hier ein Zitat aus der SBIV 22 "Richtlinien für das Vorhalten von Flankenschutzweichen", S. 7:

3.2 Schutz gegen Zugfahrten

Das Gefahrenpotential aus der Flanke durch andere Zugfahrten ist gering aufgrund von

  • Fahrstraßenausschluss,
  • Durchrutschweg und
  • Zugbeeinflussungseinrichtungen.

Abzweigstellen und Überleitstellen werden daher nicht mit Flankenschutzweichen ausgerüstet.

Es gibt allerdings zwei Sonderfälle. Der eine sind Auffangweichen zum Schutz gegen rücklaufende Wagen bei Steilstrecken mit einer Neigung von mehr als 40‰. Der zweite Sonderfall ist etwas diffiziler. Das Blocksignal, dass eine Abzweigstelle in stumpf befahrener Richtung deckt, ist nach KoRil 819 (wie auch schon nach DS 818) in einem Gefahrpunktabstand von 200 m vor dem Grenzzeichen der Einmündungsweiche aufzustellen. Wenn man diese Länge bei gedrängter Lage nicht zur Verfügung hat, besteht eine Notlösung darin, wie im Beispiel Lünischteich (alter Zustand) in beiden Schenkeln der Abzweigstelle zu sehen, vor der Einmündungsweiche eine spitz befahrene Weiche mit einem kurzen Gleisstumpf anzuordnen. Der Gefahrpunktabstand vor spitz befahrenen Weichen beträgt nur 100 m, so dass man jetzt das Signal näher an die Abzweigstelle heranrücken kann. Der Durchrutschweg reicht aber nicht in das Stumpfgleis hinein, da Blocksignale keine Zielsignale von Zugstraßen sind und damit der Verschluss von Weichen im D-Weg nicht möglich ist. Obwohl die auf diese Weise geschaffene Topologie einer Schutzweichenanordnung ähnelt, und die betreffenden Weichen natürlich auch als Flankenschutzweichen genutzt werden, sind sie nicht zum Zwecke des Flankenschutzes sondern zum Zwecke der Verkürzung des Gefahrpunktabstandes des deckenden Blocksignals eingebaut worden. (Ende des Textbeitrags von Jörn Pachl)

Regelanordnung einer Abzweigstelle für eingleisige Strecken:

               [Stw]     O-- C
                   __________________<_>_
                  /      O-- B
_<_>_____________/___________________<_>_
     A --O
       <---g--->   <---g--->

g = Gefahrpunktabstand (abhängig von Regelwerk, Jahr, Streckenart, Neigung),
ein Standardwert ist 100 m

Weichen und Signale sind voneinander abhängig zu machen.

Ein Rückgriff auf das Sonnenreinsche Theorem: Wenn du etwas suchst, was es eigentlich nicht geben soll, dann findest du es in Braunschweig.

Ein beliebtes Beispiel, das die Schutzweichenanbeter immer wieder anführen, ist Abzw Lünischteich in Braunschweig. Man sollte aber auch den Kontext kennen. Die Situation in diesem Bereich war ursprünglich wie folgt:

                 Abzw Mückenburg     Abzw Lünischteich
               _<________  O--           __ O--
v.u.n. Brg Hbf __>_______\______<_>_____/______<_>_ v.u.n Brg-Gliesmarode
                     --O            --O  /__
                           _____<_>_____/
                          /         --O
                          \__<_>__  Abzw Schmiedekamp
                             --O  \__       O--
               _<__________________\______________<__
v.u.n. Brg Hbf __>__________________\______________>_ v.u.n. Schadelah
                             --O  \__\
               _<<____Gleis_150__     \________>>_ nach Brg Rbf
                                 \     \    O--    (Abzw Helmstedter Straße)
                                  \     \______<<_ von Brg Rbf (Stw 7)
                                   \___________<<_ von Brg Rbf (Stw 7)

Man sieht zwei besondere Schutzweichen auf Abzw Lünischteich und eine auf Abzw Schmiedekamp. Die Situation wär räumlich beengt. Die Abstände Lünschteich - Mückenburg und Lünischteich - Schmiedekamp waren so kurz, daß vor Signalen haltende lange Züge sogar noch Weichen der jeweils rückliegenden Abzweigstelle besetzten, und das, obwohl man mit dem von Jörn Pachl oben beschriebenen Trick etwa 100 m "herausgekitzelt" hatte.

Das hätte alles nicht so sein sollen, denn statt der niveaugleichen Kreuzung der Abzw Schmiedekamp war eine stählerne Überführung geplant, die wegen Stahlmangel im 2. WK nicht realisiert wurde. Und das Gütergleis sollte nicht in der Abzw Lünischteich einmünden, sondern bis Brg-Gliesmarode gehen. Dann wäre alles lang genug geworden, um den Regelanordnungen zu entsprechen.

Anschlußstellen

Anschlußstellen, und insbesondere Ausweichanschlußstellen, sind ein ganz anderer Fall - hier müssen Zugfahrten auf der Strecke gegen abrollende Wagen und ggf. Rangierfahrten geschützt werden. Abrollende Wagen oder Rangierfahrten lassen sich nicht durch Hauptsignale aufhalten. Gegen abrollende Wagen helfen in leichten Fällen Gleissperren, im Allgemeinen helfen nur Schutzweichen.

Die Reichsbahn schreibt dagegen für die Fälle, wo

  1. ein Bedienungszug im Gleis der Ausweichanschlußstelle eingeschlossen werden darf,
  2. im Gleis einer Anschluß- bzw. Ausweichanschlußstelle Rangierbewegungen mit Triebfahrzeugen, Spill oder dergleichen oder von Hand vorgenommen werden,
  3. ein Punkt des von den Streckenhauptgleisen abzweigenden Gleisen höher liegt als in dessen Achse gedachte Neigungslinie, die am Streckenhauptgleis beginnt und mit 2,5‰ gegen das Ende dieses Gleises ansteigt,
  4. Wagen mit Explosivstoffen der Anschlußbahn zugeführt oder oder von ihr abgeholt werden

eine Schutzweiche vor. In den anderen Fällen darf mit Ausnahmegenehmigung eine Schutzweiche durch eine Gleissperre ersetzt werden, wenn die zugelassen Geschwindigkeit der Strecke 80 km/h nicht übersteigt.

Die Gleisanordnung ist immer so anzuordnen, daß das spätere Einlegen einer Schutzweiche möglich ist.

Regelanordnung einer (Ausweich)-Anschlußstelle für eingleisige Strecken:

               [F]
               ___ ____________.... Anschlußgleis
                  /
_<_>_____________/___________________<_>_ Streckengleis

Keine Hauptsignale - die (Ausweich)-Anschlußstelle wird durch die Hauptsignale der Nachbarbetriebsstellen gedeckt. Die Abhängigkeit der Weichen mit diesen Signalen wird durch die wohlbekannten Schlüssel (und ggf. Blockanlagen) hergestellt. Bei Ausweichanschlußstellen und für manche Fälle von Anschlußstellen ist eine Fernsprechbude [F] mit Blockwerk erforderlich.

Ist dies nun eine Anschlußstelle oder eine Abzweigstelle? http://www.staehlernestrassen.de/main/Basdorf41.html

Das Beispiel http://www.goerlitzer-kreisbahn.de/Dienstliches/dienstliches.html (dieses Foto muss wieder aufgefunden werden, da sich der Seitenaufbau geändert hat) ist eindeutig eine Anschlußstelle. Gewiß war das einmal anders, aber da hätte die Lok wohl kaum an dieser Stelle die Vorbeifahrt des Triebwagens abgewartet.

Zusatz von KnutO: Zu dieser Zeit war die Stelle örtlich besetzt und es zweigte eine normale Nebenbahn ab. Die Schutzweiche existierte da auch noch nicht.

Disclaimer

Mir ist bekannt, daß die in der DDR geltende BOA den Begriff "Anschlußabzweigstelle" definiert.

Lesenwerte Quellen

Ende der Bergpredigt. Balsine